Burg-Gymnasium
Bad Bentheim

Hilfe zur Selbsthilfe – Menschenrechtlerin Christina Haverkamp zu Gast am Burg-Gymnasium

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Am 22. Februar 2018 hat Christina Haverkamp, eine Menschenrechtsaktivistin aus Kiel mit Grafschafter Wurzeln (Nordhorn), einen Vortrag über die Yanomami-Indianer gehalten, die im Amazonas-Gebiet in Südamerika leben. Dieser Vortrag dient der Ergänzung bzw. Vertiefung des Themas „Leben und Wirtschaften im Regenwald", mit welchem sich die Schülerinnen und Schüler des siebten Jahrgangs beschäftigen bzw. bereits beschäftigt haben.

Zu Beginn des Vortrages ging Frau Haverkamp darauf ein, wie sie in Kontakt mit den Yanomami-Indianern gekommen war. Nach ihrem Lehramtsstudium in Kiel, während dessen sie bereits für die Rechte von Minderheiten kämpfte, wollte sie die Welt kennenlernen. So arbeitete sie unter anderem auf einem Segelschiff. Diese Erfahrung sollte sie in ihrem späteren Leben noch nützlich sein.

Als sie nach Brasilien kam, um sich selbst ein Bild vom Tropischen Regelwald Amazoniens machen zu können, lernte sie Rüdiger Nehberg, einen bekannten deutschen Abenteurer und Menschrechtsaktivisten, kennen. Er war nach Brasilien gekommen, um die Yanomami, einen von wenigen noch sehr ursprünglich und im Einklang mit der Natur lebenden Indianerstamm, zu besuchen. Dieser wurde zu dieser Zeit von einigen Tausend Goldgräbern heimgesucht, die illegalerweise im Indianerschutzgebiet nach Gold suchten und dadurch Flora und Fauna, unter anderem durch den Einsatz von Quecksilber, verwüsteten. Ihm schloss sie sich an und so kämpften fortan Rüdiger Nehberg und Christina Haverkamp gemeinsam für die Rechte der Yanomami-Indianer.

Um große Aufmerksamkeit auf das illegale Treiben der Goldsucher in Amazonien, aber auch auf die Lage aller indigenen Völker Amerikas zu erzielen, nutzten sie das Jahr 1992, dem 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. Während dieser Jahrestag in der Öffentlichkeit feierlich begangen wurde, wollten Christina Haverkamp und Rüdiger Nehberg den Fokus auf das Schicksal der indigenen Völker Amerikas nach 1492 richten. Viele wurden versklavt, in kriegerischen Auseinandersetzungen getötet oder erlagen den durch die Europäer eingeschleppten Krankheiten. So wurde die indigene Bevölkerung in wenigen Jahrzehnten zu einem überwiegenden Teil ausgelöscht. Die beiden Menschenrechtler bauten ein Segelschiff aus Bambus, mit dem sie in 50 Tagen den Atlantik von Dakar (Senegal) bis nach Brasilien überqueren wollten. In Brasilien angekommen, war das mediale Echo groß. Die Beschäftigung mit den „eigenen" Indigenen wurde in den brasilianischen Medien thematisiert und brasilianische Politiker waren plötzlich gesprächsbereiter als je zuvor.

Unter anderem wegen solcher Aktionen konnte es gelingen, dass heute nur noch wenige hundert Goldgräber im Amazonasregenwald ihr Unwesen treiben. Heute konzentriert sich die Hilfe von Frau Haverkamp auf den Aufbau von Schulen und Krankenstationen. Für deren Bau sammelt sie unermüdlich Spendengelder, indem sie unter anderem an Schulen Vorträge hält oder zu Aktionen wie Spendenläufe aufruft. Ein bis zwei Mal im Jahr fährt sie nach Brasilien, um bei „ihren" Yanomami zu leben und zu helfen. Wichtig ist ihr, dass die Indianer irgendwann nicht mehr auf ihre Hilfe angewiesen sind. So wird eine Krankenstation bereits von zwei Yanomami-Indianern geleitet. An den Schulen lernen die Kinder Portugiesisch, um selbst mit den brasilianischen Behörden in Kontakt treten zu können, um sich um ihre Anliegen selbst zu kümmern. Dazu gehören auch Seminare zum Thema Landrecht. Nur Indianer, die ihre Rechte kenne, können diese auch für sich in Anspruch nehmen. Hilfe zur Selbsthilfe eben!

Die Schülerinnen und Schüler zeigten großes Interesse am Leben der letzten fast ursprünglich lebenden Völker. Dass ein glückliches Leben jenseits von Internetkonsum und Rentenversicherung möglich ist, zeigte dieser Vortrag ganz nebenbei auch. Kinder, die über fast keinen materiellen Besitz verfügen und das Wenige, was sie haben, immer teilen, spielen mit einer zufällig heranfliegenden Feder und die Dorfgemeinschaft kümmert sich wie selbstverständlich um die Alten. Zuletzt noch eine Kuriosität aus dem Blickwinkel des „modernen" Westens: Tote werden nicht begraben und den Würmern überlassen, sondern deren Asche wird – gemischt in Bananenbrei – aufgegessen und bleibt so Teil des Lebens. Die Lebensweise dieser letzten Ureinwohner hat es unseren Schülerinnen und Schülern vermutlich am meisten angetan.

(Timo Gruber)